Kreisverband Ulm/Alb-Donau

Wachstum schafft noch keine Arbeit

09.02.2006. „Wachstum schafft noch keine Arbeit" überschrieb Kurt Biedenkopf einen Artikel in der ZEIT Nr. 49 vom 25. November 2004. Zur Schaffung von Arbeitsplätzen fordern Parteien und Politiker fast aller Couleur jedoch gebetsmühlenhaft weiteres Wachstum. Wenigstens 3 Prozent pro Jahr sollten es sein, um den Produktivitätszuwachs der letzten Jahrzehnte auszugleichen, denn Einsatz von Wissen und Kapital („Rationalisierung“) ermöglichten es, bei ständig gestiegenem Einkommen Güter und Dienstleistungen mit immer geringerer Arbeitsmenge zu erwirtschaften. Der historisch einmalige Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes (BIP) in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts war zunächst wesentlich bedingt durch die Bedürfnisse der Nachkriegszeit. Das Wissen, dass weiteres, unbegrenztes materielles Wachstum auf unserem Planeten nicht oder nur zu Lasten der Substanz und künftiger Generationen möglich ist, wird geflissentlich verdrängt. Wohin soll das führen? Die Konsequenz exponentiellen materiellen Wachstums ist aus nachstehender Grafik ersichtlich:

In 70 Jahren, d.h. einem knappen Menschenalter, würden wir danach rund 8 mal so viele Autos, Fernseher, Kühlschränke, Handys, ......., dazu entsprechende Müllberge, produzieren, für eine an sinnvollen materiellen Gütern weitgehend gesättigte Gesellschaft.

Nirgendwo steht auch geschrieben, dass eine Kommune von z.B. 100.000 Einwohnern weiter wachsen müsse, um einer gegebenen Zahl von Bürgern Arbeit und vertretbare Lebensqualität zu bieten. Allenfalls sind durch Strukturwandel schwindende Erwerbszweige durch neue, nachhaltigere zu ersetzen. Hier liegen Chancen, durch den Ausbau regenerativer Energien, Effizienzsteigerung technischer Prozesse, Reparaturfreundlichkeit, Altbausanierung, Dienstleistungsangebote u.a.m. ein differenziertes Wachstum zu fördern, das letztlich dem Substanzerhalt, der Ressourcenschonung und damit auch ortsfesten Arbeitsplätzen dient. „Bewahren, nicht plündern“ war schon ein Gründungsmotto der ödp. Das Ganze muss außerdem bezahlbar bleiben, ohne auch den Schuldenberg als Erblast weiter wachsen zu lassen. Von einer allgemeinen Kaufkraftsteigerung um den Faktor 3-4 seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts konnten unsere Eltern und Großeltern i. ü. noch nicht einmal träumen. Sie waren mit dem Aufbau der Bundesrepublik bei einer 48-Stunden-Woche hinreichend beschäftigt.

Bleibt die Notwendigkeit von Wachstum in Schwellenländern und der sogenannten Dritten Welt, doch kann unser Wohlstandsmodell nicht das Ziel sein. „Was die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung an Energie, Fläche, Wasser, Luft und anderen Naturgütern verbrauchen – direkt oder indirekt - , ist nicht auf die übrigen neunzig Prozent ausdehnbar, ohne dass die Erde ökologisch kollabieren würde“ (Ernst U. von Weizsäcker: Erdpolitik).

Vor diesem Hintergrund führt an der Maxime „Weniger ist (oft) mehr“ kein Weg vorbei. In einer Welt, in der alle nach Mehr schreien, ist der Mut zur Umkehr dringend erforderlich. Es war dies von jeher ein Hauptanliegen der ödp. Nur damit können wir weltweit sicherer und zufriedener leben und kommende Generationen in Frieden überleben. Wir gewinnen dabei mehr Lebenssinn,
mehr Natur, mehr Kultur und Gemeinsinn.

Warum fällt das den meisten Politikern bis zur Stunde so schwer? Kurt Biedenkopf, einsamer Rufer in seiner Partei, setzte sich schon in seinem Buch Die neue Sicht der Dinge. Plädoyer für eine freiheitliche Wirtschafts- und Sozialordnung (R. Piper GmbH, München, 2. Auflage1985) kritisch mit der Wachstumsideologie auseinander und zitiert Graf Lambsdorff auf S. 144: „Er sei zwar mit mir (Biedenkopf) einig, dass Wachstum alleine keine dauerhafte und verlässliche Basis für die Lösung unserer Probleme......bieten kann.....Aber er frage sich, ob wir unsere Verpflichtungen, ......die wir uns selbst geschaffen haben......in Demokratien....., die auf die Wiederwahl ihrer politischen, parlamentarischen Vertreter angelegt sind, dann durchsetzen könnten, wenn wir nicht vom Zuwachs, sondern vom Vorhandenen abgeben und abliefern müssten.“ Weiter so, Deutschland?

Dr. Dieter Stampe